Der Mangel an natürlicher Selbstverständlichkeit gegenüber dem Mitgeschöpf Tier

H.-P.Haack

Zusammenfassung: Der hier vorgelegte anthropologische Beitrag definiert Hemmung und Kontaktstörung gegenüber dem Mitgeschöpf Tier als ein emotionales Defizit, das sich gesellschaftlich im Sozialverhalten auswirkt. In der Persönlichkeitsstruktur dieser Menschen überwiegen Egoismus und Egozentrizität, Narzissmus oder kalter Ästhetizismus. Am Beispiel des Verhältnisses von Mensch und Hund wird diese Aussage veranschaulicht.

EinleitungBearbeiten

In einem Internet-Forum wurde die Frage gestellt:

Darf mich ein Personalchef fragen, wie ich mit Hunden oder Katzen oder beiden auskomme? Wenn ja, was will er damit über mich in Erfahrung bringen?

Diese Fragen waren Anlass, schon länger gehegte Gedanken zu publizieren. Die thesenartige Form und die Zwischenüberschriften tragen der Bildschirm-Wiedergabe dieses Artikels Rechnung.

Konkurrenz und Sozialität. Die Doppelnatur des Menschen.Bearbeiten

Im menschlichen Verhalten konkurrieren zwei Elementartriebe: Rivalität und Sozialität. Das trifft auch für Säugetiere zu, die in sozialen Verbänden (Herden, Rudeln) leben.[1] Soziale Instinkte könnten es gewesen sein, die eine stillende Frau im Aurignacien bewogen haben, absichtslos Wolfswelpen zu zähmen, indem sie sie zusammen mit ihrem Kind gestillt hat.[2] Damit wären - kurios und doch auch wieder rührend, sich das vorzustellen - die Vorfahren des Hundes die Milchgeschwister eines Cro-Magnon-Menschen gewesen.

Wildnis und Infantilität. Die Doppelnatur des Hundes.Bearbeiten

Canis lupus familiaris, so lautet die zoologische Bezeichnung des Hundes, lässt sich übersetzen mit familientauglich gewordener Wolf.

Zoologisch sind Wolf und Hund dieselbe Art. Sie paaren sich freiwillig und ihre Nachkommen sind unbegrenzt fruchtbar. Vom Wolf unterscheidet sich der Hund in Aussehen und Wesensart: Wölfe werden mit zwei Jahren geschlechtsreif (zoologisch: erwachsen) und suchen danach keinen Anschluss mehr an Menschen. Bis dahin verhalten sie sich wie Hunde. Hunde werden mit einem Jahr geschlechtsreif, behalten aber infantiles Anschlussbedürfnis und Spieltrieb zeitlebens. Vom Wolf bleibt ihnen der Jagdtrieb.

Hunde sind Wölfe, die anders aussehen, und die nicht erwachsen werden.

Dieses nicht Erwachsenwerden hat der Mensch dem Hund angezüchtet. Erik Zimen nennt das Stehenbleiben des Wolfsabkömmlings Hund auf einer juvenilen Verhaltensstufe Fetalisation,[3] die veränderte Köperform Neotenie.[4]

Das älteste HaustierBearbeiten

Vor ca. 31.700 Jahren, in der späten Altsteinzeit (Aurignacien), lebten bereits Hunde in menschlicher Gemeinschaft, wie Schädelfunde in Belgien zeigen (Grotten von Goyet [1]) . Aus der Mittelsteinzeit (Epipaläolithikum) sind Gräber bekannt, in denen Hunde zusammen mit Menschen bestattet wurden: Das Doppelgrab von Oberkassel (12.000 bis 10.000 Jahre v. Chr.) und das Grab Ain Mallaha in Nord-Israel (12.000 bis 9.600 v. Chr.).

Berühmte HundehalterBearbeiten

Friedrich II. von Preußen, Schopenhauer und Thomas Mann waren im persönlichen Umgang für viele ihrer Zeitgenossen schwer erträglich. Vom Preußenkönig gingen aristokratischer Hochmut aus, Kälte und Zynismus. Schopenhauer zwang seiner Umgebung Gesprächsthemen auf, die zwar ihn, aber sein Gegenüber nicht interessierten. Thomas Mann war förmlich und distanziert. Trotz Kontaktstörung konnten alle drei mit Hunden kommunizieren und besaßen auch Hunde. Hier sind es die Hunde gewesen, die den emotionalen Kontakt zu ihren Besitzern hergestellt haben. Thomas Mann hat die unerschütterliche Anhänglichkeit seines Hundes Bauschan in der Erzählung Herr und Hund (1919) geschildert.

Fehlt emotionale Resonanzfähigkeit konstitutionell, nützt alle Zutraulichkeit eines Hundes nichts. Auf dieser Erreichbarkei, sofern irgendwie vorhanden, basiert die tiergestützte Therapie. Eine weitere Anwendung dieser, in der kulturellen Evolution seit 40.000 Jahren verfestigten Sympathie zwischen Mensch und Hund ist die hundegestützte Psychodiagnostik. Ob nun kausal verknüpft oder nicht: Der moderne (kulturfähige) Mensch tritt im Aurignacien auf und mit ihm der Hund.[5]

Ich bin als Kind von einem Hund gebissen worden.Bearbeiten

Diese fadenscheinige Ausrede zieht nicht. Die meisten Hundehalter, die meisten Mitglieder eines Tierschutzvereins sind schon einmal von einem Hund gebissen worden.

Schmerzliches Spüren, emotional verkürzt zu sein.Bearbeiten

Es ist nichts weiter als Ressentiment, wenn sich die emotional Verkürzten über Hund und Besitzer erbosen. Unabhängig von dieser emotionalen Krüppelhaftigkeit bietet ein Hund die Möglichkeit, seinen Besitzer zu schikanieren, indem man sich über das Tier empört.

Was ist normal?Bearbeiten

Die Mehrheit zeigt Sympathie oder wohlwollendes Geltenlassen gegenüber dem ältesten Haustier. Es ist der kleinere Teil der Bevölkerung, der sich durch die Nähe oder bereits durch den Anblick eines Hundes belästigt fühlt. Eine Minderheit, eloquent und begabt für expressive Selbstdarstellung, aber von soziopathischer Struktur, fordert von Behörden ein, was im Umgang mit Hunden normal (gewöhnlich, regelrecht, typisch, üblich) zu sein hat.

Hier nun die Antwort auf die eingangs zitierten Fragen:

Sage mir, wie du Hunden oder Katzen gegenüber empfindest, und ich sage dir, wie sozial du bist.


  1. Haack, H.-P.: Was die Welt im Innersten zusammenhält
  2. Zimen, E.: Der Hund. Abstammung - Verhalten - Mensch und Hund. München: Bertelsmann 1988 (2.Aufl.), S.61
  3. a. a. O. S.255
  4. a. a. O. S.155
  5. Haack, H.-P.: Vom Homo sapiens zum Homo sapiens intellectus b:Drei_Urzeugungen._Thomas_Manns_Welterklärung.