Hans-Peter Haack


Heine, Heinrich: Atta Troll
Ein Sommernachtstraum. Hamburg: L. Giese 1847, Erstausgabe, Klein-Oktav. Vorangegangen waren Vorabdrucke in literarischen Zeitschriften. 1846 hatte Heine die Buchausgabe in Druck gegeben (Vorwort).

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Atta Troll zählt zu den virtuosesten Werken Heines, an dessen Mikrostruktur er besonders intensiv gefeilt hat. Die Leichtigkeit der ungereimten vierhebigen Trochäen, die sprachliche Dichte und der Witz sind, wie die zahlreichen Manuskripte ausweisen, harter Arbeit geschuldet (Literatur-Lexikon KINDLER).

Inhalt
Im französischen Kurort Cauterets (heute Region Midi-Pyrénées) lässt an einem Sommernachmittag auf dem Marktplatz ein Abenteurer mit turbulenter Vergangenheit, der Bärenführer geworden ist, zwei Bären tanzen. Es sind Atta Troll und seine Frau, die Bärin Mumma. Atta sprengt seine Ketten und kann entkommen. Mumma lässt der Flüchtige zurück.

Attas Höhle liegt im geschichtsträchtigen Tal von Roncesvalles. Dort vermisst er schmerzlich seine Mumma, ist jedoch wieder bei seinen sechs Bärenkindern. Vor ihnen sinniert er über Dünkel und Schlechtigkeit der Menschen, die sich die Tierwelt untertan gemacht haben, und die dazu aus dem ursprünglich frommen Kultus des Tanzes frivol einen Kult gemacht haben. Attas umstürzlerische Vision ist, "das Regiment schnöden Monopols" abzuschaffen und ein "gerechts Animalreich" zu stiften. Heinrich Heine war mit Karl Marx bekannt.

Die Erzählsituation wandelt sich und der Erzähler geht höchst persönlich in den Pyrenäen auf Bärenjagd. Geführt wird er von Laskaro, der stumm und schweigsam ist wie ein wandelnder Toter. Sie überschreiten die spanische Grenze und kommen zu der Hexe Uraka. Sie ist Laskaros Mutter. In ihrer Hütte gießen Mutter und Sohn während der Johannisnacht die "Schicksalskugel", die für Atta Troll bestimmt ist. Der Erzähler sucht das Freie und sieht in einer Schlucht, beschienen vom Vollmond, eine wilde Jagd, einen Gespensterzug. In der vielgestaltigen Reihe entdeckt er auch zwei Dichter namens Wolfgang und William. Angeführt wird das mitternächtliche Defilee von drei schönen Reiterinnen, deren ohnehin kurze Kleidung der Wind flatternd verkürzt. Es sind Diana, die Fee Abunde und Herodias . Diese Jüdin, das "liebliche Gespenst", beeindruckt ihm am stärksten.

Eine Nacht später sieht der Erzähler in der Hütte der Uraka mit an, wie diese ihren Sohn, den wandelnden Toten, mit „Hexensalbe“ belebt. Am nächsten Tag kommt er zu seiner Verwunderung mit dem Mops der Uraka ins Gespräche. Der war ursprünglich ein schwäbischer Dichter, der seinen Schulgenossen in die Kunst entlaufen ist. In seinen Dichtungen hatte er vor allem die Tugend gepriesen. Die Hexe hatte ihn "vermopst", weil er ihr nicht erlauben wollte, sich an seiner Tugend zu "vergreifen". Die Tugend stecke bei ihm gleichsam in "ledernen Unterhosen". Zur Strafe muss er nun als Mops in der Hexenküche den Kessel rühren. Erlöst werden kann er nur von einer reinen Jungfrau, wenn diese an Silvester, ohne einzuschlafen, die Gedichte Gustav Pfizers vorliest. Da das selbst der Erzähler nicht schafft, ohne einzuschlafen, muss er wohl für immer Mops bleiben.

Atta Troll beschleicht Todesahnung, als er mit seinen Jungen spricht. Gleich darauf hört er die Stimme seiner Bärin Mumma. Doch es ist nicht Mumma, die ruft, sondern die Hexe Uraka, die Mummas Stimme imitiert. Atta Troll läuft aus der schützenden Höhle Laskaro vor die Flinte. Der Bärentöter wird in den baskischen Dörfern als Held gefeiert, wofür er sich stotternd bedankt - zu seiner Überraschung und der der Umstehenden, da er zum ersten Mal spricht. Atta Troll wird abgehäutet. Nachdem sein Pelz durch mehrere Hände gegangen ist, gelangt er nach Paris und wird Bettvorleger von Juliette, der Freundin des Erzählers.

Bei einem Spaziergang mit Juliette im Pariser Jardin des Plantes trifft der Erzähler Mumma wieder, Attas Witwe. Sie lebt hier in der Bärengrube und hat neues Liebesglück gefunden mit einem sibirischen Bären.

Atta Troll enthält Anspielungen auf Personen des öffentlichen Lebens der Zeit. Verspottet werden neben Gustav Pfizer auch Hans Ferdinand Maßmann. Welcher schwäbische Dichter zur Strafe für seine „Tugendhaftigkeit“ zum Mops wurde, muss der Leser selbst herausfinden.

Satire und Dichterrivalität stecken auch hinter der häufigen Erwähnung von Freiligraths zeitgenössischem Gedicht „Der Mohrenfürst“, dessen Schicksal (er endet in Sklaverei) mit dem von Atta verglichen wird. Diesem „Mohrenfürst“ begegnet der Erzähler im Ausklang vor Mummas Grube im Pariser Jardin des Plantes. Er wurde Bären-Wärter, ist nicht mehr versklavt, sondern verheiratet und wird gut bekocht.

WIKIPEDIA-Text, von H.-P.Haack überarbeitet, nachdem er während einer → Schiffsreise das Versepos gelesen hatte.