Universität Augsburg
WS 2011/12
Lehrstuhl für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache
Proseminar: Bildung und Ansprüche an die kulturelle Identität im Zeitalter der Globalisierung
Eva Sondershaus, M.A.


von

Mariana Rozhniv

Inna Glagla

Shorena Turiashvili

Sabine Goldschmid




ERASMUS-Studium - Zwischen Multi-Kulti-Party und Integration

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Das europäische Studentenaustauschprogramm ERASMUS erfreut sich seit über 20 Jahren immer größerer Beliebtheit. Es gilt als Möglichkeit Fremdsprachen zu lernen, fremde Länder und Kulturen kennen zu lernen und vor allem auch als Eintrittskarte in die Berufswelt. Abgesehen von ernsthaften Zielen, die in die Zukunft weisen, ist das Programm nicht zuletzt durch Filme wie L'Auberge Espagnol [1] bekannt dafür, für viele Studenten ein Jahr der Ausgelassenheit und eher geringen Fixierung auf das Studium zu sein. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das Austauschprogramm eher den Kontakt zwischen ERASMUS-Studenten untereinander fördert als den zwischen ERASMUS-Studenten und den Bewohnern des jeweiligen Gastlandes. Aus dieser Beobachtung leitet sich die folgende Hypothese ab:

Hypothese

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Die Art der Durchführung des ERASMUS-Programms behindert die Integration der Austauschstudenten in der Gesellschaft des Gastlandes.

Vorgehensweise

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Diese Annahme bildet den Ausgangspunkt der vorliegenden Projektarbeit. Um ihre Gültigkeit zu überprüfen, wurde hierzu beispielhaft die Integration von ERASMUS-Studenten an der Universtät Augsburg untersucht.

Im ersten Teil der Arbeit werden psychologische und soziologische Konzepte vorgestellt und erläutert, die die Grundlage des anschließenden Forschungsprojekts bilden. Zuerst wird das ERASMUS-Programm im Allgemeinen und die Ziele, die die EU damit verfolgt, vorgestellt. Danach wird der Begriff Integration in seinen verschiedenen Facetten definiert. Im Anschluss werden das Konzept der Akkulturation und die möglichen Akkulturationstypen sowie die Durchführung des ERASMUS-Programms an der Universität Augsburg als zwei Faktoren der Integration Ausgburger ERASMUS-Studenten erläutert.

Der zweite Teil der Arbeit ist empirisch angelegt. Als Erstes wird die Methode des Leitfadeninterviews kurz erläutert. Danach wird der Leitfaden näher beschrieben, der auf Grundlage der theoretischen Überlegungen in Teil eins erstellt wurde, und als Hilfsmittel für die durchgeführten Interviews verwendet wurde. Daran schließt sich die Auswertung der Interviews, deren Analyse und die Schlussfolgerungen, die sich in Bezug auf die eingangs aufgestellte Hypothese ziehen lassen.


Theoretische Grundlagen

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Im Rahmen der theoretischen Grundlagen des Forschungsprojekts wird zuerst das Programm ERASMUS der EU kurz allgemein beschrieben. Danach wird der Begriff Integration näher definiert und erläutert. Betont wird dabei die Prozesshaftigkeit von Integration, was durch das Konzept des Kulturschocks deutlich gemacht wird.

Im Anschluss werden zwei Faktoren, die das Gelingen von Integration vermutlich beeinflussen beleuchtet. Einerseits wird der Akkulturationstyp der betreffenden Personen als innerer Einflussfaktor vorgestellt. Andererseits wird das ERASMUS-Programm als äußere Bedingung der Integration betrachtet. Speziell wird hier auf die Umsetzung des ERASMUS-Programms an der Universität Augsburg eingegangen.


Das Programm ERASMUS der EU

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Im Jahr 2012 feiert das ERASMUS-Programm seinen 25. Geburtstag [2]. Seinen Namen verdankt das Programm dem Philosophen, Theologen und Humanisten Erasmus von Rotterdam, der sich selbst als einen Vermittler von Bildung sah und durch seine zahlreichen Werke für deren Verbreitung sorgte. Seit 2007 ist das ERASMUS-Programm Teil des "Programms für lebenslanges Lernen" der Europäischen Union, das sich für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in verschiedenen Bildungsbereichen einsetzt und mit einem Gesamtbudget in Höhe von 7 Mrd. EUR ausgestattet ist. Es fasst verschiedene Bildungsprogramme unter einem einzigen Dach zusammen. Das Teilprogramm ERASMUS beinhaltet Maßnahmen für den Hochschulbereich, insbesondere können Auslandsaufenthalte von Studierenden und Dozenten gefördert werden [3] [4].

So kann jeder Student, der innerhalb Europas ein Auslandssemester machen möchte, sich für ein Stipendium bewerben. Nahezu jede Uni hat eine ERASMUS-Stelle, an die man sich bei Bedarf wenden kann. Rund 270 Hochschulen nehmen an ERASMUS teil und jährlich wird die Mobilität von etwa 200 000 Studierende und 30 000 Dozenten und Hochschulmitarbeiter innerhalb Europas gefördert. [5] [6]. Aus dem Ausland kamen im Studienjahr 2008/09 rund 22 000 Studierende an deutsche Hochschulen [7].

Ziele und Teilnahmevoraussetzungen

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Die EU verfolgt mit dem ERASMUS-Programm drei Ziele: Erstens sollen die Studenten "fachlichen, sprachlichen und kulturellen Nutzen aus der Lernerfahrung in anderen europäischen Staaten"[8] schöpfen. Zweitens sollen die Kooperationen zwischen Hochschulen gefördert und das Bildungsumfeldes der Gasthochschulen bereichert werden. Drittens soll das ERASMUS-Programm einen Beitrag zur Entwicklung qualifizierter, aufgeschlossener und international erfahrener junger Menschen als zukünftige Fachkräfte leisten [9].

33 europäische Länder sind Teil des ERASMUS-Netzwerks, darunter 27 EU-Mitgliedstaaten, Kroatioen, Island, Liechtenstein, Norwegen, die Schweiz und die Türkei. Die Zahl der Bewerber übersteigt in den meisten Ländern die Zahl der freien Plätze.

Für die Teilnahme und Förderung durch das ERSMUS-Programm sind gewisse Kriterien zu erfüllen. Teilnahmeberechtigt sind Staatsangehörige der EU- und einiger anderer Staaten, die Vertragspartner sind. Die Bewerber müssen ausreichende Kenntnisse der Sprache, in der die zu besuchenden Lehrveranstaltungen gehalten werden, nachweisen können. Sie müssen außerdem mindestens das erste Studienjahr erfolgreich abgeschlossen haben. Das Auslandsstudium ist nur an solchen Universitäten möglich, die für den betreffenden Fachbereich ausgeschrieben sind und muss einen integralen Bestandteil des Studienganges an der Heimathochschule darstellen.

Auf den Internetseiten der europäischen Kommission ist eine große Zahl an Studien und Statistiken zum ERASMUS-Programm zu finden, die der Evaluation des Programms dienen. Beispielsweise werden für jedes Studienjahr die Teilnehmerzahlen je Teilnehmerland und Fachrichtung, die Dauer der Auslandsaufenthalte und die Verteilung auf die unterschiedlichen Teilbereiche des Programms ERASMUS erhoben, wodurch die Mobilität europäischer Studenten und Dozenten gemessen wird [10]. Andere Studien setzen die Teilnahme am ERASMUS-Programm mit dem beruflichen Weiterkommen in Verbindung oder beleuchten den sozioökonomischen Hintergrund der Teilnehmer [11] [12]. Der von der EU als Ziele genannte fachliche, sprachliche und kulturelle Nutzen für die Teilnehmer des ERASMUS-Programms sowie die Verbesserung ihrer interkulturellen Kompetenz, wurde, so scheint es, jedoch noch nicht wissenschaftlich erfasst.


Integration

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Der Begriff ist für die Ausgangshypothese der vorliegenden Arbeit zentral. Es wird davon ausgegangen, dass die Integration der ERASMUS-Studenten in die Umgebung ihres Gastlandes ein erwünschter Zustand ist. Zunächst soll deshalb erläutert werden, was unter Integration zu verstehen ist.

Integration als Ziel - Definition und Arten

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Der Begriff Integration ist kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet die "[Wieder]herstellung einer Einheit aus Verschiedenem" bzw. "die Einbeziehung und Eingliederung in ein größeres Ganzes" [13]. So wird auch im Bereich der Soziologie Integration "als dynamischer, lange andauernder und sehr differenzierter Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens" charakterisiert [14].

Im vorliegenden Fall entspricht die Gesellschaft des ERASMUS-Gastlandes dem "größeren Ganzen". Ist die Integration gelungen, so wird der betreffende Student in diese Gesellschaft "miteinbezogen" und wird ein Teil ihrer "Einheit". Dies ist insofern wünschenswert, als die Fülle der Erfahrungen und Lerngelegenheiten, die während eines solchen Aufenthalts möglich sind, am besten ausgeschöpft werden kann, wenn sich der Betreffende inmitten der Gesellschaft und somit der Kultur des Gastlandes befindet. Bedenkt man außerdem, dass das Gegenteil des "Eingebundenseins" die "Ausgrenzung" wäre, so erkennt man leicht, dass damit auch automatisch ein Reihe negativer Gefühle verbunden ist, die ihrerseits das Lernen erschweren und überschatten. Aber auch die betreffende Gesellschaft kann die größte Bereicherung dann erfahren, wenn sie zusammen mit dem "Verschiedenen" oder "Neuen" eine neue "Einheit" bildet. Man kann also davon ausgehen, dass die Integration in der Gesellschaft des Gastlandes durchwegs positive Auswirkungen für alle Beteiligten hat und deshalb ein Ziel des Auslandsaufenthaltes sein sollte.

Der Begriff Integration kann auf verschiedenen Ebenen verstanden und aus verschiedenen Perspektiven gesehen werden. Man unterscheidet zwischen struktureller, kultureller, sozialer und identifikativer Integration [15]. Alle vier Bereiche der Integration sind außerdem an Voraussetzungen gebunden.

Spricht man von struktureller Integration richtet man den Blick auf die äußeren Umstände. Im Allgemeinen hängt die strukturelle Integration unter Anderem davon ab, ob die betreffenden Menschen Zugang zu Bildung und zu gesellschaftlichen Positionen erhalten. Ist die strukturelle Integration erfolgreich, werden Zugewanderte als Mitglieder der Gemeinschaft anerkannt und erhalten gleichberechtigte gesellschaftliche Chancen. Im Falle der ERASMUS-Studenten gehören hierzu konkret ihre Rechte als Studenten der Gast-Universität, ihre Anerkennung als gleichberechtigte Kommilitonen von Seiten der Dozenten als auch der anderen Studenten, als auch die Anerkennung durch andere Personen in ihrer Umgebung.

Kulturelle Integration bezeichnet nun andererseits die Innenperspektive. Ist sie gelungen bedeutet dies die Übernahme und Anerkennung der gesellschaftlichen Werte und Normen durch die jeweilige Person, in diesem Fall des Studenten. Die Kenntnis der Landessprache gilt hier als ein wichtiger Faktor, aber auch die Entwicklung eines persönlichen Zugehörigkeitsgefühls sowie die eigene Motivation sich zu integrieren.

Der Begriff soziale Integration bezieht sich auf die sozialen Beziehungen der jeweiligen Personen. Im Falle der ERASMUS-Studenten bedeutet dann eine erfolgreiche Integration, dass die betreffenden Studenten zum Beispiel Kontakte zu Personen aus dem Gastland unterhalten oder in Vereinen aktiv sind.

Identifikative Integration zeigt sich in den subjektiven Empfindungen, d.h. in den Gefühlen und Kognitionen, die die betreffende Person bezüglich ihrer nationalen oder ethnischen Zuordnung und Zugehörigkeit hat. Im vorliegenden Falle, könnte dies bedeuten, dass sich ein ERASMUS-Student zum Beispiel als Bewohner von Augsburg sieht und seine Identität nicht allein und vorallem von seiner Abstammung abhängig macht.

Integration erfolgt sehr unterschiedlich und hängt nicht zuletzt von der politischen, sozioökonomischen, kulturellen und religiösen Dimension des Zugewanderten ab. Dabei bedeutet Integration nicht, dass sich eine Person oder Gruppe assimilieren und ihre kulturelle Herkunft und Identität aufgeben muss.

Integration als Prozess - Kulturschocktheorie

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Nachdem Integration nun zuerst als wünschenswertes Ideal dargestellt wurde, soll nun betont werden, dass Integration vorallem ein Prozess der Annäherung, gegenseitigen Auseinandersetzung und Kommunikation ist [16]. In diesem Zusammenhang kann das Konzept des Kulturschocks Aufschluss geben über typische und interindividuell gültige Phasen der Integrierung in eine zunächst fremde Gesellschaft.

Der Begriff Kulturschock wurde im Jahre 1960 von dem amerikanischen Anthropologe Kalvero Oberg eingeführt, um zu beschreiben, „[...] was Austauschstudenten [...] bei längeren Auslandsaufenthalten überall auf der Welt erlebten.“ [17]. Er teilte den Kulturschock in verschiedene Phasen ein und bis heute ist allen Kulturschock-Modellen die Vorstellung eines U-förmigen Verlaufes gemeinsam [18]. Die erste Phase gilt als Phase der Euphorie. Dabei wird die eigene Kultur nicht in Frage gestellt; man ist nur Zuschauer. Die zweite Phase wird als Phase der Entfremdung bezeichnet. Es entstehen erste Kontaktschwierigkeiten für die die betreffende Person sich selbst die Schuld gibt. In der dritte Phase, die der Eskalation, kommt es häufig zu Schuldzuweisungen an die fremde Kultur und zur Verherrlichung der eigenen Kultur. Erst in der vierten Phase werden Konflikte als Missverständnisse und als Ergebnis der kulturellen Unterschiede wahrgenommen. Sie wird demzufolge als Phase der Missverständnisse bezeichnet. In der fünften Phase kommt es dann, wie auch ihr Titel besagt, zur Verständigung. Die unterschiedlichen kulturellen Spielregeln werden verstanden, geduldet, erlernt und geschätzt.


Datei:Phasen des Kulturschocks nach Oberg.jpg


Die fünf Phasen des Kulturschocks werden häufig durch eine Grafik veranschaulicht. Hier werden die Phasen mit der Anpassungsbereitschaft in Verbindung gebracht. Sie nimmt im Zeitverlauf zwischen Phase eins und Phase drei, die hier mit Kollision betitelt wird, zunächst ab. Die Bereitschaft sich anzupassen erreicht in der dritten Phase einen Tiefpunkt und steigt dann wieder an "wobei sie sich inhaltlich im Vergleich zur ursprünglichen Kompetenz verändert. Am Schluss, [ab der Phase vier, die hier als Phase der Akzeptanz der Unterschiede bezeichnet wird; Anm. der Autoren], haben die betroffenen Personen eine gleich hohe Kompetenz wie zu Beginn, nur eben jetzt als kulturelle Kompetenz in der fremden Kultur oder, noch besser, in beiden" [19] Der Tiefpunkt der U-Kurve kann je nach dem Konflikt flach oder tief sein. Wenn die Selbstbeschuldigung der Entfremdungsphase sich in die Schuldzuweisung an die fremde Kultur verwandelt, tritt eine Verherrlichung der eigenen Kultur auf, was den Heimweh verursacht. Je stärker das Heimweh desto mehr wird die neue Kultur abgelehnt, was wiederum die Heimat noch besser erscheinen lässt. [20] Der Aufstieg geschieht mit dem Begreifen, dass die Ursache der Verständigungsschwierigkeiten nicht mehr bei sich selbst oder bei den anderen zu suchen sind, sondern Missverständnisse sind, die aus kulturellen Unterschieden entstehen: „Im Endpunkt gelingt die Verständigung. Die Missverständnisse werden seltener, man erlernt die Normen der fremden Kultur und berücksichtigt sie". [21] Nach Dodd (Quelle!) bezieht sich der Begriff Kulturschock auf die spezielle Übergangsperiode bei der Gewöhnung an die fremde Kultur. Eine große Rolle spielen in diesem Prozess Angst und Stress die Ausländer, die sich in einem unbekannten Land aufhalten, erleben. Wagner stellt eine Liste von Gefühlen auf, die im Rahmen des Kulturschocks auftreten. Darunter fallen exzessive Sorge um die eigene Gesundheit, Gefühle von Hilflosigkeit und Zurückweisung durch andere, Irritationen, die Angst, betrogen oder verletzt zu werden, ein starkes Verlangen nach zu Hause und nach den Freunden zu Hause, körperliche Stressreaktionen wie Schweißausbrüche, oder Herzklopfen, Ängstlichkeit und Frustrationen, Einsamkeit und defensive Kommunikation.

Natürlich verläuft der Kulturschock bei jeder Person ganz individuell, das heißt die Symptome wurden nicht von jedem oder nicht in vollem Maße empfunden.


Akkulturationstyp als innerer Integrationsfaktor

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Im Folgenden soll auf die Theorie der Akkulturation und die Akkulturationstypen eingegangen werden. Welcher Akkulturationstyp einer Person zuzuordnen ist, lässt deren innere Einstellung gegenüber einer fremden Kultur erkennen, was sich wiederum auf das Gelingen der Integration auswirkt. Alle Informationen zu diesem Thema sind dem Buch "Zur Philosophie der Akkulturation - Neufassung eines Forschungsbereichs" von Andreas Zick entnommen [22].

Definition von Akkulturation

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Ursprünglich wurde der Begriff der Akkulturation 1880 von amerikanischen Anthropologen eingeführt, um den Prozess der Kulturveränderung durch den Kontakt zweier Kulturen zu beschreiben. Er wurde ähnlich verstanden wie der Begriff Culture Change (Kulturveränderung). Erst seit den 1930-er Jahren wird das Phänomen der Akkulturation wissenschaftlich duch Anthropologen untersucht. Der Fokus wurde dabei auf das kulturelle System und weniger auf die Individuen gerichtet. Es wurde angenommen, dass Individuen ihre Überzegungen und Lebensstile kaum ändern, aber das kulturelle System sich verändert. Akkulturation wird heute als Prozess der Änderung des Individuums, des Kontexts und der interkulturellen Kontakte verstanden, um eine Anpassung an die Merkmale des kulturellen Systems herzustellen

Akkulturation beschreibt außerdem nicht nur die Dispositionen von Individuen und ob sie mehr oder weniger erfolgreich in einer anderen Kultur zurechtkommen, sondern auch ihre persönlichen Kompetenzen, Motive und Charakterzüge. Es zeigt sich also, dass nicht nur die Person und ihre Wanderung die Akkulturation ausmachen, sondern auch der psychologische Prozess der infolge von Wanderung entsteht.

Akkulturation kann aber auch ohne eigene Wanderung stattfinden. Auch einheimische Gruppen, in deren kulturelles System andere Indiviuen und Gruppen hinzutreten, unterlaufen einen Prozess der Akkulturation.

Man spricht also von Akkulturation, wenn - erstens - ein interkultureller Kontakt zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Kulturen zustande kommt. Damit ist eine wesentliche Dimension der Akkulturation bestimmt. Zweitens bezeichnet Akkulturation auch den Kontakt zwischen Gruppen. Diese werden in diesem Falle als eigenständige Entitäten aufgefasst. Man kann die Definition danach unterscheiden, wie stark sie die Perspektive und die Verbindung zwischen der Mehrheit und der Minderheit als entscheidendes Merkmal hervorheben. Drittens bezeichnet Akkulturation auch das jeweilige kulturelle System in dem sich diese Gruppen befinden.

Der Begriff der Akkulturation ist von dem der Assimilation zu unterscheiden. Akkulturation ist also ein Aspekt der kulturellen Veränderung und Assimilation ein Aspekt der Akkulturation.

Akkulturationstypen

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Assimilation wird im allgemeinsten Sinne als Angleichung einer Gruppe von Zuwanderern oder Neuankömmlingen an die dominante Kultur der Mehrheitsgesellschaften verstanden. Sie beschreibt die Anpassung und Verschmelzung einer Gruppe von Neuankömlingen mit einer ansässigen, dominanten Kultur, wobei sich der Prozess der Assimilation an letzterer orientiert. Auf der Grundlage dieser Definition kann Assimilation als eine Form der Akkulturation verstanden werden. Das Verhältnis zwischen Akkulturation und Assimilation, wie es die psychologische Akkulturationsforschung beschreibt(Assmimilation als ein Aspekt der Akkulturation), wird in vielen sozialwissenschaftlichen Ansätzen umgedreht.

Assmililation wird in der sozialwissenschaftlichen Forschungstradition am ehesten als eine gesellschaftliche Ideologie, als Akkulturationsorientierung oder als Akkulturationstrategie oder -variante aufgefasst. Assimilation kann also auch eine politische Zielvorstellung sein, die gewissermaßen das Multikulturalismuskonzept von Gesellschaften beschreibt. Diese Ideologie kann man anhand der Zuwanderungspolitik, der Rechtssprechung oder der Integrationsmaßnahmen identifizieren.


Datei:Akkulturationstypen nach Berry.jpg


In der psychologischen Akkulturationsforschung wird zur Erschließung der unterscheidlichen Arten und Ergebnisse von Akkulturationsprozessen, ein Typenkonzept vorgeschlagen, das von einem Persönlichkeitsmodell ausgeht. Der unterschiedliche Verlauf der Prozesse wird also auf verschiedene Persönlichkeitsdispositionen zurückgeführt. Im sozialen Kontakt mit Personen, zunächst der eigenkulturellen, dann der fremdkulturellen Umwelt, entwickelt das Individuum Einstellungen, Wertmuster und Verhaltensweisen, die einem von vier Typen zuzuordnen sind:


Dem Assismilationstyp werden solche Personen zugeordnet, die aufgrund des Aufenthalts in einem fremden Land die eigene Heimatkultur radikal ablehnen und problemlos die Werte und Normen der Fremdkultur übernehmen. Es kommt allmählich zum Verlust der eigenen kulturellen Identität. Die Anpassungstendenzen an die fremde Kultur werden verstärkt, was zunächst zu interkulturellen Konflikten führen kann, aber im weiteren Verlauf auch die Ausbildung einer neuen kulturellen Identität ermöglicht.


Der Begriff Kontrasttyp charakterisiert Menschen, die die die Gastkultur radikal ablehnen und vor dem Hintergrund der fremdkulturellen Erfahrungen den Wert der eigenen Kultur aufwerten. Die Folgen zeigen sich in einer Verstärkung ethnozentrischer Tendenzen bis hin zum Chauvinismus.


Als Grenztyp bezeichnete Personen erfähren beide Kulturen als Träger bedeutungsvoller Werte und Normen. Da zwischen beiden keine Integration gelingt, schwankt der "Grenztyp" unentschlossen zwischen beiden Kulturen. Dies kann einen belastenden Identitätskonflikt zur Folge haben, aber auch in innere Reformbestrebungen und Bemühungen um sozialen Wandel münden.


Dem Synthesetyp gelingt es, die bedeutsamen Elemente beider Kulturen so zu einer "neuen Ganzheit" zu verschmelzen, dass sie zu einer Bereicherung der eigenen Persönlichkeit werden. Für die Gesellschaft erwachsen daraus Chancen zur interkulturellen Verständigung und zur Entwicklung einer multi-kulturellen Identität oder kulturellen Universalität.


Dieses Schema deutet an, dass das einzelne Individuum auf einen der vier Typen mehr oder weniger eindeutig festgelegt ist. Es bleibt aber zu fragen, ob die jeweilige Person im Verlauf des Akkulturationsprozesses, also des Anpassungsvorgangs an eine ihm bisher fremde Kultur und der damit verbundenen interkulturellen Lernvorgänge, nicht eher verschiedene Reaktionstypen durchläuft. Wie auch die Theorie des Kulturschocks nahelegt, erfolgt Akkulturation nämlich nicht einmalig und punktuell, sondern ist ein Prozess der insbesondere psychische Veränderungen bezeichnet. Die Phasen, die die Kulturschocktheorie beschreibt, beinhalten immer auch Verschiebungen bezüglich der Werturteile gegenüber der fremden Kultur. Diese Phasen entsprechen auch verschiedenen Akkulturationstypen. Weiterhin bleibt zu fragen, ob nicht sogar verschiedene Typen nebeneinander existieren können, wenn sie sich auf unterschiedliche kulturelle Aspekte wie Normen, Werte und Verhaltensgewohnheiten beziehen. So lässt sich beobachten, dass z.B. im Bereich des beruflichen Lernens bei Pratikanten und Studenten aus Ländern der Dritten Welt Reaktionen des Assimilationstyps vorherrschen, wohingegen im sozialen Handlungsfeld oder in der Bewältigung des Alltagslebens Reaktionsformen des Kontrast- oder Grenztyps überwiegen [23].


Umsetzung des ERASMUS-Programms an der Universität Augsburg als äußerer Integrationsfaktor

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Nun soll gezeigt werden, wie das ERASMUS-Programm an der Universität Augsburg konkret umgesetzt wird. Die Angebote, die speziell für ausländische Studenten existieren, sollen dabei als äußerer Einflussfaktor für die Integration betrachtet werden. Außer den Fakultäten selber, bei denen ERASMUS-Studenten - genauso wie alle anderen Studenten der Universität Augsburg - Vorlesungen, Kurse und Seminare besuchen können, setzen sich drei Organe besonders für die Belange ausländischer Studierender ein. Dies sind das Sprachenzentrum, das Akademisches Auslandsamt (AAA) und das Internationale Referat des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA).

Akademisches Auslandsamt (AAA)

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Das Akademische Auslandsamt ist wohl die erste universitäre Anlaufstelle für ausländische Studierende. Zu Beginn jedes Semesters werden ein Einführungstag und eine Welcomeparty veranstaltet. Außerdem wird in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Studierenden Ausschuss (AStA) ein Tutorenprogramm angeboten [24]. An mehreren Donnerstagabenden während des Semesters veranstaltet das AAA zudem sogenannte Länderabende. Eingeladen sind alle Studierenden, die sich für andere Länder und Kulturen interessieren. Neben einem Vortrag eines Studenten oder einer Studentin über ein Land gibt es ausländische Speisen zum Probieren und ein kleines Kulturprogramm [25].

Allgemeiner Studierendenausschuss (AStA)

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Das internationale Referat des AstA koordiniert das Tutorenprogramm des AAA, das seit einigen Jahren an der Universität Augsburg besteht. Dabei versuchen Studierende der Uni Augsburg ausländischen Studenten den Einstieg in das Leben an der Universität Augsburg und in Deutschland zu erleichtern. Jedem ausländischen Studierenden wird ein Tutor oder eine Tutorin der gleichen Fachrichtung zugeordnet, der/die für sie als Ansprechpartner für alle Fragen rund ums Studium und die Organisation des Alltags in Deutschland zur Verfügung steht [26].

Darüberhinaus organisiert der AStA wöchentlich einen internationalen Stammtisch. Er findet abwechselnd in verschiedenen Bars oder Pubs in Augsburg statt. Allerdings beschränken sich die Stammtische nicht nur auf die ERASMUS-Studenten, sondern sie sind für alle Interessenten, die daran teilnehmen möchten, offen [27].

Sprachenzentrum

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Speziell für ERASMUS-Studenten werden vor Beginn jedes Wintersemesters vom Sprachenzentrum der Universität Augsburg außerdem kostenlose Sprachkurse ("Auffrischungskurse") auf Niveau B1 und B2 angeboten. Während des laufenden Semesters stehen den Studenten außerdem die regulären wöchentlichen Sprachkurse „Deutsch als Fremdsprache“ des Sprachenzentrums zur Verfügung [28].


Empirisches Forschungsprojekt

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Auf der Grundlage der erläuterten Theorien wurde versucht durch ein empirisches Forschungsprojekt die Gültigkeit der Hypothese zu überprüfen: Stimmt es, dass die Weise, in der das ERASMUS-Programm umgesetzt wird, die Integration der ausländischen Studenten behindert? Gibt es eventuell andere, wichtigere Einflussgrößen als die äußeren Gegebenheiten? Mithilfe von vier Interviews sollen diese Thesen und Fragen bestätigt, widerlegt und beantwortet werden.


Methode des Leitfadeninterviews

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Das Leitfadeninterview zählt zu den gängigsten Methoden der qualitativen Sozialforschung. Die Themenbereiche, die im Interview zur Sprache kommen sollen sind dabei im Voraus festgelegt. Der Leitfaden strukturiert das Interview, jedoch sind die Frage- und Antwortmöglichkeiten nicht standardisiert vorgegeben und auch die Reihenfolge der Fragen ist flexibel. Der Interviewte soll die Möglichkeit haben offen und mit eigenen Worten über das betreffende Thma zu sprechen [29].


Leitfaden

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Aus den theoretischen Überlegungen ergab sich der folgende Leitfaden:


1. Fragen zur Person

a) Wie alt bist Du?

b) Woher kommst Du?


2. Einflussfaktor Erasmusprogramm

a) Findest Du die Veranstaltungen des Auslandsamts der Uni Augsburg hilfreich? Nimmst Du daran teil? Warum?/ Warum nicht?

b) Welche Veranstaltungen haben Dir geholfen Andere kennenzulernen? Hast Du dort auch Deutsche kennengelernt?


3. Ermittlung der Kulturschockphase

a) Seit wann bist Du in Augsburg? Wie lange dauert Dein Auslandsaufenthalt insgesamt?


4. Einflussfaktor Akkulturationstyp

a) Warst Du vor diesem Aufenthalt in Deutschland schon einmal in einem anderen Land? Hast Du für längere Zeit in einem anderen Land gelebt? Wie war das? Was hast Du dort gemacht?

b) Bist Du allein nach Deutschland gekommen?

c) Warum hast Du Dich für Deutschland entschieden?

d) Welche Erwartungen und Ziele hattest Du für Dein Auslandssemester? Hast Du sie erreicht? Haben sich Deine Erwartungen erfüllt? Inwiefern (nicht)?

e) Fällt es Dir leicht Kontakt mit Unbekannten aufzunehmen? Wie ist es, wenn Du in Deinem Land bist? Und in Deutschland?


7. Integration

a) Welches Sprachniveau hast Du in Deutsch?

b) Benutzt Du deutsche Medien, z.B. Fernsehen, Radio, Zeitung, Bücher, Filme etc.

c) Wie oft, mit wem und in welchen Situationen sprichst Du Deutsch? (z.B. an der Uni, mit Freunden etc.)

d) Hast Du schon Deutsche kennengelernt? Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Positive/Negative? (Bekanntschaften, Freundschaften, Ablehnung)

e) Wie fühlst Du Dich in Deutschland? Hast Du das Gefühl Du gehörst dazu?


Interviews

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Probandin 1: Türkei, 24 Jahre; zum Interview mit Probandin 1

Proband 2: Frankreich, 20 Jahre; zum Interview mit Proband 2

Proband 3: Polen, 21 Jahre; zum Interview mit Proband 3

Probandin 4: Italien, 22 Jahre; zum Interview mit Probandin 4


Übersicht der Ergebnisse

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Testperson Herkunfts- land Alter angen. Kultur- schock- phase angen. Akkulturations- typ ERASMUS-Programm Integration negative Erfah- rungen positive Erfah- rungen Sprach-niveau Ziele/ Erwar- tungen
Proband 1 Türkei 24 2 / 4 Synthesetyp nimmt an Veranstaltungen teil: Stammtisch: andere ERASMUS-Studenten, Länderabend: Deutsche, Ausflüge: Landeskunde gut integriert, kann sich aber nicht vorstellen dauerhaft in D zu bleiben Uni: fühlt sich alleine Wohnheim: Freunde, Hilfs- bereitschaft B2 Deutschlehrerin für die GS
Proband 2 Frankreich 20 1 / 5 Assimilationstyp/ Synthesetyp nimmt an Veranstaltungen teil: v.a. am Anfang positiv (Auffrischungskurs, Vorbereitungstreffen) sehr gut integriert, fühlt sich aber nicht dazugehörig: "bin und bleibe Franzose" keine, außer Unfall- gegner, der unfreud- lich war sehr gute Integration am Wohnort C1 Deutsch verbessern
Proband 3 Polen 21 2 / 4 Synthesetyp nimmt an Veranstaltungen teil: bewertet sie positiv, wenige Deutsche gut integriert keine Deutschland ist gut organisiert C1 Deutsch verbessern, Praktikum finden, berufl. Betätigungs-möglichkeiten herausfinden
Proband 4 Italien 22 1 / 2 Assimilationstyp/ Synthesetyp nimmt an Veranstaltungen teil, bewertet sie sehr positiv; Länderabende, Stammtische gut integriert, kann sich vorstellen, nach dem ERASMUS-Programm wieder nach Deutschland für längere Zeit kommen Wetter, Essen hat an der Uni viele Bekannte; wohnt mit einer Deutschen und einer Brasilianerin in einer WG -> Freunde B1 Deutsch verbessern, viel über Land und Leute erfahren


Auswertung der Interviews

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Im Folgenden werden die einzelnen Ebenen der Integration getrennt betrachtet und mit den entsprechenden Faktoren in Verbindung gesetzt. Es wird versucht zu bestimmen, wie die einzelnen Faktoren die jeweilige Art der Intergration beeinflussen.

Strukturelle Integration

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Nachdem alle Befragten den Status "ERASMUS-Student" haben, dürfte es auf der Ebene der strukturellen Integration keine größeren Unterschiede geben. Alle Probanden sind Studenten der Universität Augsburg und können alle wissenschaftlichen Veranstaltungen der Lehrstühle sowie die Angebote des Sprachenzentrums, des AAA und des AStA in Anspruch nehmen. Ein kleiner Unterschied besteht in der Visumspflicht der türkischen Probandin 1, die keine EU-Bürgerin ist.

Was die Veranstaltungen, die speziell für ausländische Studierende angeboten werden, betrifft, ist zu sagen, dass die Probanden zumindest teilweise aktiv daran teilnehmen. Probandin 4 bevorzugt den Stammtisch, da dieses Angebot eine gute Möglichkeit darstellt neue Kontakte zu knüpfen und die Deustchkenntnisse zu verbessern. Dies bestätigt auch Proband 3. Probandin 1 hebt dagegen hervor, dass sie beim Stammtisch vorallem ERASMUS-Studenten und andere Kulturen kennenlernen kann. Alle drei haben auch begeistert von den vom AStA angebotenen Ausflügen gesprochen. Sie würden eine Chance bieten, Deutschland besser kennen zu lernen. Dies ist vorallem Probandin 1 wichtig, da sie als angehende Deutschlehrerin ihre Kenntnisse in Landeskunde erweitern möchte. Um Deutsche kennenzulernen eigneten sich am besten die Länderabende, so Probandin 1. Proband 2 hat zwar positive Erfahrungen mit dem Deutsch-Auffrischungskurs des Sprachenzentrums und dessen Betreuung zu Beginn des Semesters durch den Sprachkursleiter sowie die Zuständige des AAA gemacht, sieht aber die Veranstaltungen des AAA und AStA eher kritisch. Sie würden nicht der Integration mit Deutschen dienen. Für ihn stellen diese Angebote vor allem die Möglichkeit dar, andere ERASMUS-Studenten kennenzulernen. Bei den Ausflügen, zum Beispiel, seien die Organisatoren die einzigen Deutschen. Und auch beim Stammtisch seien die meisten Teilnehmer ausländische Studenten. Obwohl die Probanden 1 und 3 die genannten Angebote gerne in Anspruch nehmen, bestätigen sie diese Tatsache.

Kulturelle Integration

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Alle Probanden können als Synthese- oder Assimilationstyp charakterisiert werden. Dies hat wohl seine Ursache u.a. in der Größe der Stichprobe. Vier Probanden können nicht representativ für die Gesamtheit der ERASMUS-Studenten sein. Es ist außerdem davon auszugehen, dass Personen, die sich unentgeldlich für ein Interview zur Verfügung stellen, eher eine offene Persönlichkeit besitzen, was sich in ihrem Akkulturationstyp widerspiegelt. Jedoch ist zu bemerken, dass die Stichprobe zufällig ausgewählt wurde.

Soziale Integration

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Im theoretischen Teil ist vom Einfluss der Sprachkenntnisse auf die kulturelle Integration die Rede. Aus den Ergebnissen der Interviews geht aber hervor, dass die Sprachkenntnisse nicht indikativ für die soziale Integration sind. Proband 3 beherrscht Deutsch auf Niveau C1. Er gibt jedoch an, dass er im Alltag nicht ständig die Gelegenheit hat, Deutsch zu sprechen. Es gebe Tage, so Proband 3, an denen er Deutsch überhaupt nicht aktiv oder kommunikativ verwendet. Zwar hört er regelmäßig einen Informationsradiosender und liest, obwohl es ihm schwer fällt, den "Spiegel", aber der Kontakt mit muttersprachlichen Medien sei ihm auch sehr wichtig. Außerdem sei er viel in Kontakt mit Freunden und Familie in der Heimat. Er hat zudem in Augsburg Bekannte, die aus Polen stammen. In den genannten Fällen findet die Kommunikation immer auf Polnisch statt. Obwohl das Sprachniveau von Probandin 4 nur B1 ist, sieht sie regelmäßig Filme mit deutschem Untertitel, hört Radio und liest Kinderbücher auf Deutsch. Sowohl an der Uni, als auch privat ist ihre Hauptkommunikationssprache Deutsch. Es zeigt sich, dass nicht das Sprachniveau, sondern die Häufigkeit der Verwendung der deutschen Sprache ein Merkaml für soziale Integration ist.

Ob es vorallem auf den Akkulturationstyp zurückzuführen ist, ob ein Student sozial gut oder sehr gut integriert ist, lässt sich nicht so einfach feststellen. Aufgrund der Interviews lässt sich aber vermuten, dass Personen die zum Assimilationstyp neigen (wie Proband 2 und Probandin 4), tendenziell sozial besser integriert sind, als die anderen Probanden.

Es ist außerdem zu beobachten, dass der Ort der sozialen Integration nicht die Universität ist. Proband 3 berichtet, dass es schwierig sei, im Rahmen der universitären Veranstaltungen Kontakte zu knüpfen, da die Seminarteilnehmer im Anschluss an Vorlesungen sofort den Raum verlassen. Da er Mathematik studiert, besucht er auch keine Seminare, die die Interaktion zwischen Studierenden ermöglichen. Es mag also einerseits am Studienfach und dessen Organisation liegen, aber auch Probandin 1 gibt an, sich an der Universität allein zu fühlen. Sie wiederum ist DaF-Studentin. Obwohl die Seminare in diesem Fachbereich eher auf die Zusammenarbeit unter den Studenten ausgelegt sind, ist es offensichtlich nicht selbstverständlich durch sie Kontakte zu knüpfen.

Die Ergebnisse der Interviews zeigen, dass der wichtigste Ort für die soziale Integration der Probanden der Wohnort ist. Alle Befragten wohnen entweder im Wohnheim zusammen mit deutschen Studenten oder, so wie Probandin 4, in einer Wohngemeinschaft. Alle geben an, dass sie dank des Lebens im Wohnheim Freunde und Personen, mit denen sie ihre Freizeit verbringen, gefunden haben. Außerdem sind sie dadurch ständig mit der deutschen Sprache konfrontiert, sei es durch gemeinsame Videoabende, wie Probandin 4 berichtet, oder durch das Treffen in der gemeinsamen Küche, wie Proband 3 mitteilt. Dasselbe gilt für Probandin 1, die ihre verbesserten Deutschkenntnisse auf zahlreiche Sprechgelegenheiten im Rahmen des Wohnheimlebens zurückführt. Auch Proband 2 bestätigt, dass er die meisten sozialen Kontakte an seinem Wohnort geknüpft hat, nicht zuletzt durch die gemeinsame Lebenswelt.

Identifikative Integration

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Die identifikative Integration fällt bei den verschiedenen Probanden unterschiedlich aus. Probandin 4 fühlt sich sehr wohl und kann es sich auch gut vorstellen nach dem ERASMUS-Programm für längere Zeit in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Sie sieht auch beruflich mehr Entwicklungsmöglichkeiten in Deutschland als in ihrer Heimat Italien. Proband 2 antwortete auf die Frage schnell und spontan: "Zugehörig? Nein, also richtig dazugehören tue ich nicht. Ich bin und bleibe Franzose!" Proband 3 fühlt sich "in Deutschland angekommen". Seiner Meinung nach ist "das Land sehr gut organisiert". Er kann sich zwar vorstellen beruflich mit Deutschland verbunden zu sein, leben wolle er jedoch in Polen. Darüberhinaus identifiziert er sich aber weder nur mit seinem Heimatland noch mit seinem derzeitigen Wohnort, sondern fühlt sich vorallem als Europäer. Probandin 1 fühlt sich wohl in Deutschland und kann sich vorstellen für einige Zeit länger in Deutschland zu bleiben. Allerdings sieht sie sich langfristig in der Türkei. Daraus ist ersichtlich, dass der Akkulturationstyp sich nicht auf der Gefühlsebene konstituiert, sondern ein eher kognitiver Vorgang ist. Obwohl der Akkulturationstyp in den Fällen der Probanden als Synthese- oder sogar Assimilationstyp beschrieben werden kann, ist die identifikative Integration, also das innere Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft des Gastlandes, nicht unbedingt vorhanden.

Die eingangs aufgestellte Hypothese lautete: "Die Art der Durchführung des ERASMUS-Programms behindert die Integration der Austauschstudenten in der Gesellschaft des Gastlandes."

Was den Aspekt Integration betrifft, zeigen die Ergebnisse, dass alle interviewten Probanden in mindestens drei Bereichen erfolgreich integriert sind:

Durch ihren Status als ERASMUS-Studenten und die Möglichkeit zur Teilnahme an den wissenschaftlichen und anderen Veranstaltungen, sind alle Probanden auf struktureller Ebene an der Universität gut integriert. Auf kultureller Ebene sind alle Probanden gut integriert. Sie können dem Synthesetyp und teils auch dem Assimilationstyp zugeordnet werden und beherrschen die deutsche Sprache mindestens auf dem Niveau B1. Alle Probanden haben mehr oder weniger viele Bekannte und Freunde, die deutsche Muttersprachler sind, und verwenden fast täglich die deutsche Sprache. Sie sind also auch auf sozialer Ebene gut integriert.

Was die identifikative Integration betrifft, so ist sie nicht bei allen Probanden gegeben. Zwar fühlen sie sich in Deutschland im Großen und Ganzen wohl, aber insgesamt empfinden sie sich nur teilweise der deutschen Gesellschaft zugehörig. Ein Leben in Deutschland auf Dauer kann sich nur eine Probandin vorstellen. Jedoch betont ein anderer Proband seine Identität als Europäer.


Die Integration aller Probanden kann also insgesamt als erfolgreich bezeichnet werden. In Bezug auf die Hypothese heißt das, dass die Umsetzung des ERASMUS-Programms an der Universität Augsburg eine erfolgreiche Integration zumindest nicht verhindert.

Jedoch scheinen die meisten Veranstaltungen auch nicht gerade förderlich für das Kontakteknüpfen zwischen ERASMUS-Studenten und Muttersprachlern zu sein. Obwohl bei Stammtisch und Länderabenden mitunter auch deutsche Studenten anzutreffen sind, werden die meisten Angebote in erster Linie von ausländischen Studierenden in Anspruch genommen. Die Veranstaltungen des Sprachenzentrums, des AAA und des AStA sind also weder hinderlich noch besonders hilfreich für die soziale Integration der ERASMUS-Studenten im Gastland. Die Exkursionen, zum Beispiel, dienen dazu die landeskundlichen Kenntnisse der Teilnehmer zu verbessern; beim Stammtisch sowie den Deuschkursen kann man seine Sprachkompetenzen erweitern; durch den Kontakt mit anderen Austauschstudenten kann man interkulturelle Fähigkeiten und Wissen über andere Kulturen erwerben. All das verbessert die Integration in die Gesellschaft des Gastlandes aber nicht.


Dagegen zeigen die Ergebnisse, dass zwei andere Faktoren die Integration der ERASMUS-Studenten maßgeblich zu beeinflussen scheinen.

Einerseits ist das der Akkulturationstyp. Alle Probanden geben an, dass das Deutschlernen, das Kennenlernen der deutschen Kultur und des Landes für sie hohe Priorität hat. Ihre Motivation während ihres Auslandsaufenthalts viele unterschiedliche Lernerfahrungen zu machen ist also sehr hoch. Außerdem geben die Probanden an, dass es ihnen eher leicht fällt Kontakt mit Anderen aufzunehmen. Dies spiegelt sich in ihren Akkulturationtypen (Synthese- oder Assimilationstyp) wider und den jeweiligen Strategien, die den Typen zugeschrieben werden, nämlich Integration und Assimilation. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass der Wohnort als bedeutender Faktor einer erfolgreichen Integartion anzusehen ist. Alle Probanden geben an, sich an ihrem Wohnort am besten zu fühlen, vorallem dort Freunde gefunden zu haben, die deutsche Muttersprachler sind, und auch dort besonders viel Deutsch zu sprechen.


Es bleibt also zu fragen, wie man die Angebote, die die verschiedenen Einrichtungen der Universität Augsburg vorschlagen, für die Integration ausländischer Studierender sinnvoller gestalten könnte. Es könnte zum Beispiel überlegt werden, wie man mehr Muttersprachler für die bestehenden Veranstaltungen interessieren und sie für sie attraktiver und nützlicher gestalten kann. Außerdem wäre es wichtig, bestehende erfolgversprechende Projekte mehr öffentlich und zugänglich zu machen. Zum Beispiel existiert bereits ein Tandem-Projekt des AAA, von dem zumindest die intervieten Probanden keinen Gebrauch machen und eventuell nicht einmal davon wissen. Außerdem könnte das Angebot mit ganz neuen Ansätzen und Ideen erweitert werden. Beispielsweise könnte das Tutorenprogramm durch Gastfamilien erweitert werden, die ERASMUS-Studenten am Wochenende zu sich nach Hause einladen.


Einzelnachweise

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  1. L'Auberge Espagnol. Reg. Cédric Klapisch. Drehbuch von Cédric Klapisch. 2003. DVD. Universum, 2004.
  2. http://www.eu.daad.de/imperia/md/content/eu/lllp/07_09_11_era_25_jahre_ehemalige.pdf (27.01.2012)
  3. http://ec.europa.eu/education/lifelong-learning-programme/doc78_de.htm. (27.01.2012)
  4. http://www.eu.daad.de/eu/llp/06332.html. (27.01.2012)
  5. http://ec.europa.eu/education/lifelong-learning-programme/doc80_de.htm. (27.01.2012)
  6. http://ec.europa.eu/education/erasmus/doc1059_de.htm. (27.01.2012)
  7. http://ec.europa.eu/education/erasmus/doc/stat/table109.pdf. (27.01.2012)
  8. http://ec.europa.eu/education/erasmus/doc892_de.htm
  9. http://ec.europa.eu/education/erasmus/doc892_de.htm
  10. European Union:Erasmus - studies. In: http://ec.europa.eu/education/erasmus/doc922_en.htm (27.01.2012)
  11. Souto Otero, Manuel und McCoshan Andrew (2006): The Professional Value of ERASMUS Mobility. INCHER-Kassel. In: http://ec.europa.eu/education/erasmus/doc/publ/evalcareer.pdf. (27.01.2012)
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  29. Kleemann, Frank, Uwe Krähnke, Ingo Matuschek (2009): Interpretative Sozialforschung: Eine praxisorientierte Einführung. VS, Wiesbaden.


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